Hier habe ich einige Begriffe zusammengestellt, mit denen Sie beim Lesen dieser Seiten oder während meiner Arbeit konfrontiert werden:

 

Verhaltenstherapie:

Verhaltenstherapie ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Das bedeutet, dass dem „Probanden“ (hier: dem Pferd und seinem Besitzer) Methoden vermittelt werden, um zukünftig bei Problemen selbst besser zurecht zu kommen.

 

 

Kommunikation:

Kommunikation stammt aus dem Lateinischen communicare und bedeutet „teilen, mitteilen, teilnehmen lassen; gemeinsam machen, vereinigen“. In dieser ursprünglichen Bedeutung ist eine Sozialhandlung gemeint, in die mehrere Lebewesen einbezogen sind.

Kommunikation wird häufig als „Austausch“ von „Informationen“ beschrieben. „Information“ ist in diesem Zusammenhang eine zusammenfassende Bezeichnung für Wissen, Erkenntnis oder Erfahrung. Mit „Austausch“ ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen gemeint.

 

Gleichberechtigte (=falsch verstandene) Partnerschaft zwischen Mensch und Pferd:

Der Mensch möchte sein Pferd zum Freund haben. Hinter dieser Art Freundschaft steht der Wunsch nach Harmonie.

Pferdebesitzer, die so denken, wollen unbedingt mit ihren Tieren auf derselben Ebene stehen und übersehen dabei, dass die Pferde in der freien Natur im Herdenverband in ganz klaren hierarchischen Strukturen leben.

Die hierauf basierende „Vermenschlichung“ überfordert die Tiere und sie können psychische Funktionen, wie z. B. Frustrationstoleranz, nicht richtig ausbilden.

So kommt es, dass offensichtliches Fehlverhalten des Pferdes vom Menschen nicht wahrgenommen wird, es wird einfach toleriert.

Kommandos werden völlig selbstverständlich mehrfach wiederholt, bis das Pferd bereit ist, diesen nachzukommen oder auch nicht, getreu dem Motto: „Mein Pferd folgt aufs Wort. Wenn ich sage, kommst du oder nicht, dann kommt es oder nicht!“

Die Pferdebesitzer merken längst nicht mehr, dass sie von ihrem Pferd gesteuert werden.

Und sie haben für jedes Fehlverhalten eine Erklärung parat.

  

Frustrationstoleranz:

Frustrationstoleranz ist die Fähigkeit, eine frustrierende Situation über längere Zeit auszuhalten. Pferde, die diese Befähigung nicht besitzen, werden schnell unwillig und reagieren häufig mit Aggression. Pferde mit niedriger Frustrationstoleranz neigen zu erhöhtem Anstrengungs- sowie Vermeidungsverhalten. Ich erlebe bei meiner Arbeit außergewöhnlich viele Pferde, die mit allen Mitteln versuchen, das von ihnen Gewünschte zu bekommen oder die sich vehement dagegen wehren, das von ihnen Verlangte umzusetzen.



Erziehung:

Erziehung bedeutet, Jemandem etwas beizubringen, seine Entwicklung zu fördern und damit eine Verbesserung seines Handelns zu erreichen.

 

(Zirkus-) Dressur:

Dressur ist Erziehung (Abrichtung) zum Zwecke der Vorführung.

 

Ritualisiertes Verhalten:

Ritualisiertes Verhalten ist ein sozialer Prozess, in dem etwas zum Ritual wird. Ein Ritual ist eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende Handlung.

Ich würde dieses Verhalten umgangssprachlich als automatisiertes Verhalten bezeichnen, d. h. es braucht keinen speziellen Auslöser, um es abzurufen. Es handelt sich um Verhaltensweisen, die sich im Laufe der Zeit eingeschliffen haben und vom Pferd ohne „Nachdenken“ eingesetzt werden.

Als Beispiel könnte man hier das Pferd nennen, das es sich zur Angewohnheit gemacht hat, sich grundsätzlich an seinem Menschen zu schubbern, wenn dieser in seine Reichweite kommt (was natürlich zudem eine Respektlosigkeit ohnegleichen ist).

 

Verhaltensmuster:

Als Verhaltensmuster bezeichnet man Bewegungsabfolgen, die in einer bestimmten Situation in einer häufig vorhersagbaren Weise und in gleicher Reihenfolge stattfinden.

Als Beispiel möchte ich hier das Pferd nennen, das jedes Mal wegläuft, wenn sein Besitzer mit dem Halfter in der Hand die Weide betritt, weil es weiß, dass es dann arbeiten muss.

Hier muss man versuchen, dieses Verhaltensmuster zu durchbrechen, indem man die Erwartungshaltung verändert.

 
Erwartungshaltung (auch Antizipation genannt):

Erwartungshaltung ist die Annahme, dass ein Ereignis wahrscheinlich eintreten wird.

Ein Pferd, das z. B. viel mit Leckerlis belohnt wird, hat nach jeder erfolgten Leistung die Erwartungshaltung, dass es dafür etwas Fressbares gibt. „Und wenn nicht, kann mich mein Mensch aber kennenlernen!“.

Das Beispiel „Pferd lässt sich nicht von der Weide holen, weil es weiß, dass es dann arbeiten muss“ trifft auch hier wieder zu.

Bei meiner Arbeit ist oft der erste Schritt, dass diese Erwartungshaltung verändert werden muss.



Schlüsselreiz:

Der Schlüsselreiz wird auch Auslöser genannt. Ein Schlüsselreiz löst bei Wahrnehmung eine bestimmte Reaktion aus.

Hier können wir beim obigen Beispiel „Pferd lässt sich nicht von der Weide holen“ bleiben. Das z. B. mitgeführte Halfter kann als Schlüsselreiz wirken.

In diesem Fall muss man diesen Schlüsselreiz löschen und das Pferd umkonditionieren.

 

Konditionierung:

Konditionierung ist das Erlernen von Reiz-Reaktionsmustern. Sie ist ein wichtiges Instrumentarium in der Tiererziehung. Einem Pferd wird beigebracht, dass auf ein bestimmtes Verhalten seinerseits ein bestimmtes Verhalten des Besitzers folgt.

Das beste Beispiel hierfür ist ein Pferd, das etwas gut gemacht hat und dafür von seinem Menschen mit Streicheln belohnt wird. So wird das Pferd lernen, dass es sich lohnt, etwas richtig zu machen.

 

Angst:

Angst ist ein mit Erregung und Verzweiflung einhergehendes Gefühl, das die freie Willenssteuerung aufhebt. Die Natur hat drei Mechanismen vorgesehen, der Angst zu begegnen:

Angriff/Verteidigung, Flucht oder Erstarren („sich Totstellen“). Ein Pferd wird als Fluchttier immer zunächst die Flucht ergreifen. Nur wenn eine solche nicht möglich ist, wird es zum Angriff/zur Verteidigung übergehen und mit Aggression antworten.

 

Aggression:

Aggression ist negatives Verhalten mit der Absicht, Anderen zu schaden. Gründe für Aggression können sein:

-das Durchsetzen eigener Wünsche und Interessen, die mit Wünschen anderer im Konflikt stehen,

-Beachtung durch andere finden (Rangordnung) = Dominanz- aggression,

-Reaktion auf Aggression anderer (Abwehr, Notwehr),

-Unsicherheit,

-Überforderung.

Pferde gehören nicht zu den aggressiven Tierarten. Innerartliche Aggressionen kommen durchaus vor. Diese richten sich aber im Normalfall nicht gegen die Leitstute.

So sollte es auch bei Ihnen als ranghöheres Wesen sein.

Die oben erwähnte Dominanzaggression kommt in der Pferd-Mensch-Beziehung Gott sei Dank seltener vor. Sie ist auch viel schwieriger zu behandeln und die Arbeit mit diesen Pferden ist meistens sehr gefährlich.

Viel häufiger ist die Aggression aus Unsicherheit.

Wird das von Natur aus sehr hohe Sicherheitsbedürfnis des Pferdes vom Menschen nicht befriedigt, muss das Pferd sich um seine Sicherheit selbst kümmern (siehe Bewältigungsstrategie).

Aggression aufgrund Überforderung kommt ebenfalls sehr häufig vor. Die Menschen merken meist nicht, wann ihr Pferd an seiner Leistungsgrenze angelangt ist. Dem Pferd bleibt dann in der Regel nichts anderes übrig, als mit Aggression auf diese Überforderung zu reagieren.

 

Ein Pferd, das starke Aggressionen zeigt, hat bereits viel durchgemacht und auch vieles versucht, bevor es zu diesem letzten Mittel greift.



Bewältigungsstrategie:

Bewältigungsstrategie ist die Art des Umgangs mit belastenden (soeben stattfindenden) Situationen. Hier unterscheidet man die aktive Bewältigungsstrategie (z. B. Flucht oder Kampf) und die passive Bewältigungsstrategie (z. B. Erstarren).

 

Vermeidungsverhalten:

Vermeidungsverhalten ist ein Handeln, um (bevorstehenden) Situationen, von denen man Unannehmlichkeiten erwartet, aus dem Weg zu gehen.

Hier wäre z. B. das Pferd zu nennen, das Angst vor dem Reiter hat und sich nicht satteln lässt, um der Prozedur des „Gerittenwerdens“ zu entgehen. Hat das Pferd hiermit Erfolg, wird ungünstigerweise das Vermeidungsverhalten auch noch belohnt (siehe Konditionierung -->negative Verstärkung).

Vermeidungsverhalten ist einerseits ein Schutzmechanismus, andererseits verhindert es aber auch, neue Erfahrungen (positiver Art) zu machen und damit eine Weiterentwicklung zu erfahren.

Vermeidungsverhalten ist eine Art der (vorauseilenden) Bewältigungsstrategie.

 

Konsequenz:

Als Konsequenz bezeichnet man die Zielstrebigkeit des Handelns einer Person.


Lernerfahrung:

Lernerfahrung ist die Erfahrung, auf welche Art und Weise man etwas gelernt hat.

Hier verwende ich gerne das Beispiel von dem Menschen, der sein Pferd angebunden eine halbe Stunde stehen lässt und es nicht beachtet, weil er in ein intensives Gespräch mit einem Stallkollegen/in vertieft ist. Das Pferd zeigt seinen Unmut (verständlicherweise!), indem es mit den Hufen scharrt.

Jetzt wird „Frauchen/Herrchen“ aktiv und ermahnt das Pferd mit den Worten „Hörst du auf, lass das!“. Aufmerksamkeit (auch negative Aufmerksamkeit) ist eine Form der Belohnung. Das Pferd wird also für sein Fehlverhalten positiv verstärkt.

Das Pferd sammelt so die Lernerfahrung „Wenn ich Aufmerksamkeit will, muss ich mit den Hufen scharren“.

Eigentlich sollte der Mensch die Lernerfahrung sammeln „Ich lasse mein Pferd nicht unnötigerweise so lange angebunden stehen“.

Dieser Fall tritt aber leider nur äußerst selten ein.



Erlernte Hilflosigkeit:

Erlernte Hilflosigkeit bezeichnet das Phänomen, dass Menschen und Tiere infolge von erlebter Hilf- oder Machtlosigkeit ihr Verhalten dahingehend einengen, dass sie unangenehme Zustände nicht mehr abstellen, obwohl sie die Möglichkeit zur Vermeidung (siehe Vermeidungsverhalten) hätten.

Diese Pferde haben schlichtweg kapituliert.

Hieraus ergeben sich Auswirkungen auf

Motivation (verminderte Leistungsbereitschaft, Lethargie), Kognition (Überzeugung wird gefestigt, dass jedes Verhalten zu negativen Konsequenzen führt) und Emotion (Frustration).

Betrachten Sie einmal die Pferde, die auf Volksfesten monoton ihre Runden drehen müssen und lassen Sie die Resignation in deren Augen auf sich wirken.

Das ist ein Musterbeispiel für „Erlernte Hilflosigkeit“ und die damit verbundene Lethargie und Frustration.

 

Appetenzverstärker:

Appetenzverstärker erhöhen die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines mit ihnen in Verbindung gebrachten Verhaltens, d. h. sie sind Formen der Belohnung (positive und negative Verstärkung).

Dies ist die beste Art, Pferden dauerhaft etwas beizubringen.

 

Aversionsverstärker:

Aversionsverstärker haben die gegenteilige Wirkung: Sie vermindern die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines mit ihnen in Verbindung gebrachten Verhaltens, d. h. sie sind Formen der Bestrafung.

Diese sollten, wie bereits im Kapitel „Pferdeflüsterer“ beschrieben, nur im äußersten Notfall eingesetzt werden.

 

Übersprungshandlung:

Übersprungshandlungen treten auf, wenn das Pferd sich im Konflikt zweier Instinkte befindet und sich nicht klar ist, welchem Instinkt es Folge leisten soll. Stattdessen wird eine Verhaltensweise gezeigt, die aus einem völlig anderen – dritten – Funktionskreis des Verhaltensrepertoires stammt, d. h. der auftretende Konflikt wird über ein anderes Verhalten abreagiert.

Eine Übersprungshandlung ist ein typisches Anzeichen für Stress und Überforderung.